Schulbibliotheken für morgen

 

Die nachfolgende Resolution wurde vom LAG-Vorstand auf der Klausurtagung im November 1998 in Anlehnung an eine ähnliche kanadische Entschließung formuliert und von der Mitgliederversammlung im Juni 1999 verabschiedet:

Die Schulbibliothek ist eine einzigartige Idee in unserem Bildungswesen. Sie ist eine wichtige Quelle für den Erwerb und Erhalt der Fähigkeit des Lesens und Schreibens und den Wissenserwerb im Fachunterricht. Sie ist der Ort für Teamarbeit, entdeckendes sowie fächerverbindendes und fächerübergreifendes Lernen. In der Sekundarstufe II leistet sie einen wesentlichen Beitrag zum wissenschaftspropädeutischen Arbeiten. In ihr werden Schülerinnen und Schüler zu Leserinnen und Lesern.

Fast jede Schule in Hessen hat eine Bücherecke oder eine kleine Bücherei, deren pädagogische Bedeutung lange Zeit nicht gesehen worden ist.

Die LAG Schulbibliotheken hat seit Mitte der 80er Jahre in Zusammenarbeit mit engagierten Lehrerinnen und Lehrern, Eltern und dem Kultusministerium die Entwicklung des hessischen Schulbibliothekswesens durch Information, Beratung und Projektentwicklung wesentlich vorangetrieben.

Nach herkömmlichem Verständnis ist eine Schulbücherei eine mehr oder weniger gut ausgestattete Sammlung von Büchern und anderen Medien, die mehr oder weniger gut dem Interesse von Lehrern und Schülern entsprechen und die mehr oder weniger gut erschlossen und zugänglich sind. Die Landesarbeitsgemeinschaft dagegen sieht in modernen Schulbibliotheken Informations- und Wissenszentren, die ein breit gefächertes Angebot an Büchern und anderen Medien bereithalten, mit denen die Techniken der Informationsbeschaffung und der kritische Umgang mit dieser Information eingeübt werden können. Diese Informationszentren verlangen einen entsprechend weitergebildeten Bibliothekspädagogen bzw. Diplombibliothekar, der als "Wissensnavigator" in der Lage ist, Ziele und Inhalte des schulischen Lernens mit den vielfältigen Möglichkeiten der Schulbibliothek zu verbinden.

Ironischerweise werden die Neuen Medien, das Internet und das WorldWideWeb so begriffen, dass dadurch die Schulbibliotheken überflüssig würden. Das Internet könne langweilige Bücher und verstaubte Ideen ersetzen durch lebendige, farbige und interaktive "Action". Aber wie soll diese Informationsfülle wirksam in schulisches Lernen eingebracht werden? Wer zeigt unseren jungen Schülerinnen und Schülern den Weg, zwischen Wahrheit und Lüge, Realität und Fiktion, zu unterscheiden? Wer wählt die geeignetsten Materialien und Ressourcen aus? Wer hilft Lehrern und Schülern die Informationstechnologie mit den schulischen Lern-, Arbeits- und Darstellungstechniken zu verbinden?

Evaluationen der Wirksamkeit von Schulbibliotheken haben gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen der Qualität der Arbeit in der Schulbibliothek und dem Schulerfolg gibt. Das Interesse von Eltern an guten Schulbibliotheken ist in den letzten Jahren sichtbar gewachsen, weil sie wollen, dass ihre Kinder optimal auf die zukünftigen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen vorbereitet werden. Private Schulen haben dies schon seit Jahren erkannt.

Die neuen Technologien ersetzen nicht die Schulbibliothek, sondern erweitern den Buchbestand um geeignete neue Medien, wie Video, CD-ROM und Internet. Die Schulbücherei ist nicht länger eine verschlafene Bücherecke, gefangen im herkömmlichen Verständnis. Die "Schulbibliothek für morgen" benutzt die neuen Lernmöglichkeiten als Teil der Ausbildung für die Bürgerinnen und Bürger von morgen.

In der "Schulbibliothek für morgen" wird selbstständiges Lernen ermöglicht. Lesen ist eine unverzichtbare Schlüsselqualifikation auch für die neuen Medien. Die Schulbibliothek der Zukunft ist der Ort, an dem Schülerinnen und Schüler Erfahrungen im Umgang mit alten und elektronischen Medien sammeln . Dies alles wird zu einem neuen Lehrplan im "Informationszeitalter".

Die Landesarbeitsgemeinschaft hat sich damit in zahlreichen Veranstaltungen und Lehrgängen der letzten Jahre auseinander- gesetzt und dabei festgestellt, dass Ausstattung, professionelle Betreuung und pädagogische Nutzung von Schulbibliotheken an hessischen Schulen sehr unterschiedlich sind. Einig waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aller dieser Veranstaltungen aber über folgende Ziele:

Jede Schülerin und jeder Schüler sollte:

eine Schulbibliothek mit bestmöglichem Lernmaterial benutzen können
in der Schulbibliothek Arbeits- und Lerntechniken erwerben, die ein lebenslanges Lernen ermöglichen
in der Schulbibliothek neue Medien und Computer nutzen können
erfahren, dass die Schulbibliothek ein Fenster zur Welt öffnet.

Um diese Ziele in hessischen Schulbibliotheken zu erreichen, bedarf es eines Sofortprogramms. Dazu gehören vor allem die Bereitstellung von Haushaltsmitteln der Schulträger, die finanzielle Beteiligung des Landes (Mischfinanzierung) sowie der Aufbau zentraler schulbibliothekarischer Dienste:

Die Schulträger müssen die Bibliotheken in ihren Schulen zu Informationszentren ausbauen, um den Ansprüchen an eine zeitgemäße Bildung zu genügen.
Das Kultusministerium muss diese Vorhaben durch Mischfinanzierung unterstützen und die pädagogische Nutzung durch Weiterbildung von Lehrkräften zu Bibliothekspädagogen oder die Beschäftigung pädagogisch vorgebildeter Diplom-Bibliothekare ermöglichen.
Die nachfolgend genannten Einrichtungen müssen zu einer "Landeszentrale für Schulbibliotheken" zusammengefasst und weiter entwickelt werden.

Seit 1990 wurden in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium folgende Vorhaben realisiert: Eine Servicestelle für EDV in Schulbibliotheken, die Ausstattung aller Schulen mit dem Bibliotheksprogramm LITTERA 2, eine ½ Personalstelle für Schulbibliotheken im HeLP, ein Internet-Informationsdienst für hessische Schulbibliotheken (HIDS) sowie das Leseförderprojekt "Bibliothek in der Kiste" und die Fachtagung "Hessischer Schulbibliothekstag". Diese Einrichtungen und Aktivitäten müssen konsolidiert und weiter entwickelt werden. Nur so kann der gestiegene Beratungs- und Betreuungsbedarf der inzwischen ca. 500 hessischen Schulbibliotheken befriedigt werden.

In den Schulbibliotheken bündeln sich zahlreiche neue und alte Anforderungen an Schule: Stärkung von Lese- und Medienkompetenz, Umgang mit den neuen Informationsmedien, Fähigkeit von selbstständigem Lernen, Erwerb der Qualifikationen für lebenslanges Lernen.

Gerade im Kontext der steigenden weltweiten Anforderungen an Schule (länderübergreifende Qualitätsvergleiche wie TIMMS oder PISA) machen gemeinsame Anstrengungen für die "Schulbibliothek von morgen" erforderlich!

Wiesbaden-Naurod, 20./21.11.98 Butzbach, 1.6.99
©1998-1999 LAG Schulbibliotheken

Nachdruck erwünscht. Über ein Belegexemplar freuen wir uns.